Noch schnell hin, bevor es weg ist?
Warum Last Chance Tourism mehr ist als ein Reisetrend

In unserer neuen Podcastfolge von Next Stop: Future widmen wir uns einem Phänomen, das auf den ersten Blick nach einem neuen Reisehype klingt: Last Chance Tourism. Noch mal schnell hin, bevor es weg ist. Doch hinter diesen drei Wörtern steckt weitaus mehr als eine Bucket List mit schmelzenden Gletschern.

Last Chance Tourism beschreibt Reisen zu Orten, von denen wir wissen oder glauben, dass sie in absehbarer Zeit verschwinden oder sich massiv verändern werden. Das betrifft Gletscher, Korallenriffe, Inseln, Küstenabschnitte, bestimmte Landschaften, aber durchaus auch kulturelle Orte. Gerade das Thema Gletscher ist durch die Klimadebatte sehr präsent: Es gibt Menschen, die explizit zu diesen Orten hinreisen, um sie in ihrer Schönheit noch einmal zu erleben, bevor sie verschwinden.

Das Dilemma: Zwischen Bewusstsein und Beschleunigung

Hier zeigt sich ein grundlegendes Dilemma. Einerseits erzeugt der wachsende Zustrom zusätzlichen Druck auf ohnehin sensible Orte. Infrastruktur muss angepasst werden, Emissionen entstehen, und am Ende beschleunigt der Tourismus möglicherweise genau das, was man eigentlich verhindern will. Andererseits können solche Orte auch einen Education Effekt haben. Menschen erleben den Klimawandel nicht mehr nur abstrakt, sondern ganz konkret. Sie sehen, was passiert, und gehen vielleicht verändert von dort weg.

Unterschiedliche Zugänge zum Verschwinden

In den letzten vier bis fünf Jahren ist das Thema Last Chance Tourism populärer geworden, auch über Reisemagazine, Reiseblogs und soziale Medien. Die Zugänge der Reisenden sind dabei unterschiedlich. Da ist das hedonistische „Ich war noch dort, bevor es zu spät ist”, ein Luxusanspruch mit dem Motiv der Distinktion und des exklusiven Extremerlebnisses. Da ist das Fear of Missing Out. Und da ist das Tabu, die Grenzüberschreitung, der Reiz, an Orte zu gehen, die eigentlich nicht mehr zugänglich sein sollten, ähnlich wie beim Dark Tourism oder Thrill Tourism. Gleichzeitig gibt es auch eine tiefere Ebene: das bewusste Zeuge Sein von Vergänglichkeit, eine Art Pilgerreise zu verschwindenden Orten. All diese Motive sind letztlich unter einer Klammer vereint: die Auseinandersetzung mit dem Verschwinden.

Welche Rolle spielt Tourismus in der Krise: Verstärker, Verdränger oder Mitgestalter?

Catharina Fischer

Ethisch vertretbar? Die Frage der Vermarktung

Ist es ethisch vertretbar, solche Orte überhaupt noch zu vermarkten und ins Schaufenster zu stellen? Diese Frage drängt sich auf. Nehmen wir die Korallenriffe: Das Great Barrier Reef ist ein prominentes Negativbeispiel. Das Bleaching durch Hitze ist weltweit zu verzeichnen, und wenn dann Menschen mit Booten anreisen, Anker auswerfen und auf Korallen treten, ist das zusätzlicher Stress für diese Systeme. Australien hätte durchaus andere Attraktionen, die es anbieten könnte. Es gibt Orte, da könnte man auch sagen: Nein, hier brauchen wir keinen Tourismus mehr. Das Beispiel der Insel in Thailand, die für einen gewissen Zeitraum geschlossen wurde, zeigt, dass solche Maßnahmen möglich sind.

Geteilte Verantwortung und Besucherlenkung

Aus Destinationsperspektive ist Besucherlenkung ein zentrales Instrument. Die Attraktion eines Ortes ist oft zugleich die Grundlage, von der er wirtschaftlich lebt. Die Frage ist, wie man Orte zugänglich machen kann, ohne sie weiter zu schädigen. Es gibt durchaus Vorbilder: Der schiefe Turm von Pisa wurde schrittweise geschützt, Höhlenmalereien sind nicht mehr zugänglich, dafür gibt es Museen. Auch digitale Möglichkeiten können hier einen Beitrag leisten.

Kommunikation spielt eine wichtige Rolle. Die Hochglanzdarstellung von Destinationen hat sich in den letzten Jahrzehnten immer weiter potenziert: Drohnenvideos, Influencer, perfekte Perspektiven. Die Frage ist, inwieweit man sensible Orte so überhaupt noch bewirbt. Das beginnt bei der Überlegung, ob man einen Ort noch einmal von einem Influencer bereisen lässt, um eine weitere Perspektive abzulichten, die es eigentlich schon gibt.

Tourismus in einer Zeit des Verlustes

Wir leben in einer Zeit, in der die Frage nach der Vergänglichkeit immer stärker in den Vordergrund rückt. Manche Destinationen könnten irgendwann nur noch als Erinnerungskultur existieren. Wenn Tourismus auch in Zukunft eine Zukunftsfähigkeit haben will, muss er sich verändern: weg vom reinen Konsumprodukt, hin zu einer geteilten Verantwortung und Steuerung. Das greift auch den Gedanken des impulse4travel Manifests auf, in dem Tourismus als Zukunfts und Lebensraumgestalter verstanden wird.

Gleichzeitig besteht die Gefahr einer Überregulierung. Wenn Reglementierung und Schutzgebühren den Zugang bestimmen, kann Last Chance Tourism schnell zum Luxusgut werden, zugänglich nur für diejenigen mit den nötigen Privilegien, dem richtigen Ausweis oder den richtigen Kontakten. Das berührt Fragen von Ökonomie und Gerechtigkeit, die in der Branche noch zu wenig strategisch besprochen werden.

Regulierung ist nicht das Ende von Freiheit, sie ist der Versuch, Freiheit in einer fragilen Welt fair zu organisieren.

Anja Kirig

Last Chance Tourism als Symptom einer Transformation

Last Chance Tourism ist mehr als ein Trendphänomen. Es ist symptomatisch für die Transformation, in der sich die Tourismusbranche befindet. Es zeigt zugespitzt, wie Vergänglichkeit, Verantwortung, Vermarktung und Zugänglichkeit zusammenspielen. Die Branche könnte dieses Phänomen als Aufhänger nehmen, um sich grundlegende Fragen zu stellen: Wie wollen wir uns aufstellen? Wie wollen wir uns positionieren? Und wie wollen wir aus einem Lebensraum Management Gedanken heraus gemeinsam mit den Akteuren, die für die Natur und für andere ethische Perspektiven sprechen, etwas gestalten?

Hier könnt ihr die gesamte Folge und auch alle anderen Episoden von Next Stop: Future hören. Hört auch gerne noch einmal in die impulse4travel Folge rein, denn vieles daraus führt zu diesem Thema hin. Wie immer freuen wir uns über Eure Kommentare, Bewertungen und Weiterempfehlungen.

Wenn ihr Zukunft nicht nur analysieren, sondern gemeinsam gestalten wollt, kommt gerne auf uns zu.