In unserer zweiten Folge 2026 sind wir (wieder) zu zweit: Catharina Fischer und Anja Kirig. Und wir nehmen uns ein Thema vor, das uns über den Jahreswechsel ziemlich beschäftigt hat, da es gerade überall mitschwingt: das Gefühl, dass „alles“, aber auch wirklich “alles” immer schlechter und schlimmer wird. Zugleich schätzen viele ihre persönliche Situation durchaus positiv ein, wenn sie nach ihrer individuellen Lebenslage befragt werden. Woher kommt diese unterschiedliche Wahrnehmung? Und was macht sie mit unserer Fähigkeit, Zukunft zu gestalten?
Ein Paradox, das gar nicht neu ist
Wir kennen das Muster aus vielen Gesprächen, Studien und Stimmungsbildern: Wenn Menschen auf „Deutschland“, „Europa“ oder „die Welt“ schauen, wird es oft düster. Wenn sie auf ihr eigenes Leben schauen, fällt das Urteil deutlich weniger pessimistisch aus. Dieses Paradox ist nicht neu, aber es ist gerade sehr präsent.
Und weil wir nicht nur über Bauchgefühl sprechen wollten, sind wir in Zahlen eingestiegen. Wir beginnen mit der R+V Langzeitstudie, die jährlich Sorgen und Ängste in Deutschland abfragt.
Die Studie „Die Ängste der Deutschen“ untersucht seit über 30 Jahren exklusiv die Sorgen der Bevölkerung. Jährlich befragt das R+V-Infocenter rund 2.400 deutschsprachige Personen ab 14 Jahren zu ihren größten Ängsten in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt. Die repräsentative Erhebung 2025 fand vom 12. Mai bis 22. Juli statt. Weitere Ergebnisse unter www.die-aengste-der-deutschen.de.
Die Zahl, die (erstmal) irritiert: Angstindex 37
Was uns wirklich überrascht hat: Der durchschnittliche Angstwert liegt aktuell bei 37 und ist damit einer der niedrigsten Stände überhaupt.
Wenn wir darüber nachdenken, wie Krisen, Konflikte, Inflation, Klima, Migration oder geopolitische Unsicherheiten in vielen Feeds und Schlagzeilen auftauchen, hätten wir intuitiv „höhere“ Werte erwartet. Genau hier beginnt unsere eigentliche Frage: Was zeigt sich in der Wahrnehmung und was in der Lebensrealität?
Migration, Klima, Altersarmut und der Blick in die Zeitreihe
Wir haben uns ein paar Einzelwerte angesehen, weil sie besonders gut zeigen, wie stark „Gegenwart“ und „Erzählung“ auseinanderlaufen können:
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Angst vor Konflikten durch Zuwanderung: aktuell eher moderat – im Vergleich zu früher deutlich niedriger.
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Umwelt-/Klimasorgen: auf einem Tiefpunkt, obwohl das Thema objektiv groß bleibt.
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Angst vor Altersarmut: ebenfalls niedriger, obwohl die demografischen Megatrends nach wie vor bestehen.
Unser Punkt ist dabei nicht: „Alles ist gut.“, sondern: Die Kurven gehen hoch und runter. Es gibt selten diese lineare, stetig steigende Angstlinie, die in vielen Narrativen mitschwingt.
Medienlogik: informiert sein vs. daueraufgeregt
Wir stellen uns daher auch die Frage, wie unser Informationsumfeld unsere Wahrnehmung beeinflusst.
Wir erleben eine Dynamik, in der Aufmerksamkeit oft über Alarm funktioniert: Algorithmuslogik, Polarisierung, Zuspitzung. Dazu kommen Akteur:innen, die Emotionen gezielt bedienen und Formate, die eher auf Klicks und Aufregung als auf Einordnung und Objektivität optimiert sind.
Das Ergebnis ist ein Nervensystem im Ausnahmezustand: Live-Ticker, dauerhafte Alerts, ständiges „Breaking“. Selbst wenn die reale Lage differenzierter ist, fühlt sie sich im Dauerstrom schnell existenziell an.
Unsere Konsequenz daraus ist ziemlich pragmatisch: Wir brauchen mehr Medienkompetenz, nicht als moralischen Zeigefinger, sondern als Schutzmechanismus. Kritisches Prüfen, Quellenkompetenz, ein Gefühl dafür, was Signal und was Rauschen ist. Und auch die Erlaubnis, nicht alles minütlich verfolgen zu müssen, um trotzdem handlungsfähig zu bleiben.
Angst oder fehlender Handlungsspielraum?
Vielleicht sollten wir weniger von „Zukunftsangst“ sprechen und mehr von wahrgenommenem Handlungsspielraum.
Denn oft entsteht das Schwere nicht, weil Menschen „die Zukunft“ per se fürchten, sondern weil sie bei großen Themen (Klima, geopolitische Konflikte, Systemfragen) wenig direkten Einfluss spüren. Wo wir Einfluss erleben, im eigenen Leben, im Beruf, im lokalen Umfeld, ist die Zuversicht oft deutlich höher.
Das verändert auch die Perspektive: Wenn wir Zukunft als etwas begreifen, das wir (zumindest teilweise) gestalten können, verschiebt sich der Fokus von Ohnmacht zu Agency.
Sensibilität bedeutet nicht Handlungsunfähigkeit
Themen wie Klima oder geopolitische Krisen können sensibel wahrgenommen werden, ohne dass sie automatisch in lähmende Angst umschlagen. Es ist möglich, Risiken zu erkennen, sie ernst zu nehmen und dennoch handlungsfähig und konstruktiv zu bleiben.
Entscheidend ist, ob Sorgen uns blockieren oder in Bewegung setzen.
Hier liegt eine wesentliche Aufgabe – für Organisationen, Medien, Politik und Bildung, aber auch für uns selbst: Räume zu schaffen, in denen Differenzierung, Aushandlung und konkrete Handlungsoptionen möglich bleiben.
Und dann bleibt da die zentrale Leerstelle: die Vision
Am Ende unseres Gesprächs stehen wir vor einer erstaunlich oft vernachlässigten, dabei grundlegenden Frage: Wo wollen wir eigentlich hin?
Fehlt ein gemeinsames Zukunftsbild, verschärfen sich gesellschaftliche Debatten ebenso wie Ängste. Es mangelt an Orientierung, wenn unklar bleibt, wie Deutschland in 10 bis 15 Jahren aussehen soll, welche Rolle wir in Europa einnehmen, welche Lebensqualität wir sichern und ausbauen, welche Infrastruktur notwendig ist und welche sozialen Versprechen wir erneuern wollen.
Ein Zukunftsbild ist kein PR-Motiv. Aber es kann Polarisierung vorbeugen, indem es Richtung gibt und Aushandlungsprozesse ermöglicht, anstelle bloßer Empörungsbewältigung.
Fazit
🎧 Hier könnt Ihr die gesamte Folge hören.
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