In unserer neuen Next Stop: Future Folge sind wir wieder zu zweit: Catharina Fischer und Anja Kirig.
Das Thema hat uns schon eine Weile beschäftigt, weil wir es überall hören: Transformation.
In Unternehmen, in der Politik, auf KI-Kongressen, auf Social Media. Ein Wort, das inzwischen für fast alles herhalten muss. Und genau das war unser Anlass, mal genauer hinzuschauen: Wann reden wir eigentlich wirklich davon? Und wann ist es eigentlich etwas ganz anderes?

Transformation ist zu einem Buzzword geworden

Der Begriff wird schnell verwendet, um zu signalisieren, dass man sich zukunftsorientiert positioniert. Aber damit wird er der Bedeutung nicht wirklich gerecht. Denn Transformation ist etwas Systemisches: Sie verändert nicht nur etwas innerhalb einer bestehenden Logik, sondern die Logik selbst. Erst wenn die neue Logik zur Selbstverständlichkeit geworden ist und nicht mehr begründet werden muss, hat eine Transformation tatsächlich stattgefunden.

Eine Reform hingegen verbessert das Bestehende, die Grundlogik bleibt dieselbe. Das macht Reformen nicht unwichtig. Aber man sollte keine Transformation erwarten, wo eigentlich eine Reform stattfindet. Die Klimakrise zum Beispiel bekommt mehrheitlich CO2-Kompensation. Bildung soll zukunftsfähig werden, Tablets kommen in die Schulen, aber die Bewertungslogik ändert sich nicht. Das sind Reformen, keine Transformationen.

Systeme wollen stabil bleiben

Systeme haben eine innere Logik, die auf Selbsterhalt ausgelegt ist. Das gilt für Gesellschaften und Institutionen genauso wie für Unternehmen. Tiefgreifende Veränderungen bedeuten für die Akteure im System oft Kontrollverlust und Unsicherheit, genau daraus entsteht die Reibung. Krisen können diesen Druck erhöhen. Sie sind eine Bedingung für Transformation, aber keine Garantie.

KI: Effizienzsteigerung statt Systemwandel

Auch bei KI lohnt es sich, genau hinzuschauen. Momentan nutzen wir KI mehrheitlich, um Prozesse effizienter zu machen, Texte schneller zu produzieren, Entscheidungen zu automatisieren. Das ist noch keine Transformation. Eine solche würde bedeuten, dass sich das Grundprinzip von Arbeit neu definiert. Spannend dabei: KI selbst kann zumindest zum jetzigen Zeitpunkt nicht wirklich transformativ denken. Sie kann Komplexität nicht nicht-linear weiterdenken. Wir reden über Transformation durch KI und stellen zugleich fest, dass KI selbst keine Transformationen mitdenken kann.

Wo wir schon transformative Signale sehen

Wir haben uns einige Beispiele angeschaut, die keine abgeschlossenen Transformationen sind, aber echte Signale in diese Richtung senden.

Beim Thema Regeneratives Denken versus dem Nachhaltigkeitsverständnis, das im aktuellen öffentlichen Diskurs vorrangig zu finden ist, zeigt sich eine andere Logik: nicht weniger schädlich, sondern wiederherstellend. Das ist mehr als ein grünes Update und hat damit einen transformativen Charakter. (Hier gibt es auch eine Podcast-Folge dazu).

Das Konzept der Gemeinwohlökonomie, exemplarisch bei Vaude, versucht die Bewertungslogik innerhalb eines bestehenden Wirtschaftssystems zu verschieben: weg von reiner Gewinnorientierung, hin zu sozialer Teilhabe und Rückgabe des erwirtschafteten Wertes.

In Neuseeland gibt es mit dem Living Standards Framework einen nationalen Ansatz, der neben wirtschaftlichen Kennzahlen auch das Wohlbefinden von Kindern und soziale Gerechtigkeit in politische Entscheidungen einbezieht. Zwar ist das politisch reversibel, esomit keine Transformation, aber es ist ein starkes Signal.

Die Allemannenschule in Wutöschingen in Baden-Württemberg zeigt, was im Bildungsbereich auch ohne komplette Transformation möglich ist: keine starren Stundenpläne, Lernbegleiterinnen statt Lehrerinnen, selbstbestimmtes Lernen bis zum Abitur. Die Bewertungslogik auf dem Weg zum Abschluss ist eine komplett andere, und die Schülerinnen schneiden bei Prüfungen nicht schlechter ab als in klassischen Schulen.

Plattform-Kooperativen verändern die Eigentums- und Verteilungslogik digitaler Plattformen: Nicht ein großer Investor besitzt sie, sondern eine Gemeinschaft aus Kommunen oder Produzenten. Wer davon profitiert, verändert sich damit grundlegend.

Und aus Frankreich kennen wir das Persönliche Weiterbildungskonto, das über das gesamte Arbeitsleben läuft und staatlich sowie unternehmerisch gefüllt wird. Das ermöglicht es, mit klassischen biografischen Mustern zu brechen (darüber sprechen wir auch in Folge 45 (Multi-Stage-Karrieren: Das Ende der 3-Phasen-Biografie). Eine Logikverschiebung, die zumindest transformativen Charakter hat.

Wann ist Transformation vollzogen?

Eine Transformation ist dann vollzogen, wenn eine bislang begründungspflichtige Nischenlogik nicht mehr begründet werden muss, weil das System von der neuen Logik so durchzogen ist, dass sie zur Selbstverständlichkeit geworden ist.

Transformationen sind oft langsame Verschiebungen, keine abrupten Disruptionen. Ob wir bei manchen der drängenden Fragen die Zeit für diesen langsamen Weg haben, ist eine andere Frage, die wir uns am Ende auch gestellt haben.

Hier könnt ihr die aktuelle und auch alle anderen Folgen hören. Und wir würden uns sehr freuen, wenn Ihr den Podcast abonniert!

Ihr habt Fragen zu Transformationen, Veränderungsprozessen und Zukunft?
Dann meldet euch sehr gerne bei uns.