In unserer neuen Podcastfolge sprechen wir mit Nina Pfuderer und Jonas Höhn von The Future: Project, einem Think Tank für transformative Zukunftsforschung aus Frankfurt am Main. 

Anja ist seit Jahren mit beiden verbunden, die Wurzeln liegen am Zukunftsinstitut, für das sie von 2005 bis 2023 freiberuflich tätig war. Seit 2023 ist sie mit den beiden über The Future: Project vernetzt. Deshalb freuen wir uns besonders, dass Nina und Jonas uns heute ihren Ansatz vorstellen: Zukunft nicht nur beschreiben, sondern als offenes Gestaltungsprojekt begreifen.

Von Megatrends zu Transformationen

Zukunft als Projekt und nicht als deterministischer Zustand – mit dieser Kernidee wurde The Future: Project 2023 von Nina und Jonas, gemeinsam mit anderen Zukunftsforscher:innen, gegründet. Gemeinsam war die Erkenntnis, dass die Welt immer komplexer wird und die bisher genutzten Megatrend-Dynamiken als Erklärungsmodelle für den Wandel nicht mehr ausreichten. Statt den Megatrends konzentriert sich die Forschung bei The Future: Project auf die Transformationen.

Megatrends beschreiben globale Trendphänomene, die über Jahrzehnte wirken und sich linear entfalten, wie etwa die Globalisierung. Lange habe dieses Narrativ gut funktioniert, so Jonas, die Welt werde immer vernetzter, Kulturen kämen sich näher, die Weltwirtschaft wachse zusammen. Dann aber hätten sich die Vorzeichen verschoben. Zollkriege, geopolitische Verwerfungen, ein Erstarken nationaler und lokaler Gegenbewegungen: Mit dem Megatrend Globalisierung ließen sich diese Entwicklungen nicht mehr wirklich einordnen. Das lineare Narrativ greife nicht mehr, sagen Nina und Jonas. Man könne heute nicht mehr davon ausgehen, dass die nächsten 40 Jahre einfach so weiterlaufen wie die vergangenen Jahrzehnte.

Transformationen denken das anders. Sie beschreiben keine lineare Entwicklung von A nach B, sondern eine Trend-Gegentrend-Dynamik. Aus der Reibung zwischen einem großen Trend und seinen Gegenbewegungen entstehe eine neue Synthese auf einer höheren Ebene. Im Fall der Globalisierung nennen Nina und Jonas das die Glocalisation: ein Zusammentreffen von globalen und lokalen Einflüssen, weder Globalisierung noch Deglobalisierung, sondern etwas Eigenes. Transformationen seien außerdem viel dynamischer und prozesshafter als Megatrends. Sie beschrieben keinen abgeschlossenen Zustand, sondern immer auch einen qualitativen Richtungssinn: Sie zeigten gesellschaftliche Herausforderungen und legten gleichzeitig mögliche Pfade an, wie Veränderung positiv genutzt werden könne.

Unsere Arbeit ist schon dem Wesen nach transformativ. Nicht nur, weil wir uns Wandel anschauen, sondern weil wir ihn darüber, wie wir ihn uns anschauen, auch schon beeinflussen.

Nina Pfuderer

The Future: Project

Das Future System als Orientierungskarte

Im Future: System hat das Future:Project sechs Transformationen abgebildet: Glocalisation, Human Digitality, Eco Transition, Mindshift Revolution, Co-Society und Conscious Economy. Das Modell versteht sich als Trendlandschaft, als Orientierungskarte, nicht als Checkliste. Wer damit arbeite, solle zunächst die gesellschaftlichen Zusammenhänge verstehen, dann schauen, welche Transformationen für das eigene Unternehmen oder die eigene Organisation relevant seien, und schließlich blinde Flecken entdecken. Das Future System lasse sich außerdem methodisch mit anderen Ansätzen verknüpfen, etwa mit Szenarien oder Design Thinking. Das Team hat dafür auch ein Methoden-Workbook entwickelt, das Unternehmen Schritt für Schritt durch die einzelnen Transformationen führt.

In Workshops erleben Nina und Jonas immer wieder, dass Unternehmen mit einem konkreten Thema kommen, zum Beispiel der Frage nach ihrer Nachhaltigkeitsstrategie, und dann im Arbeiten mit dem Future: System plötzlich Verknüpfungen zu ganz anderen Bereichen entdecken. Genau das sei für beide der Kern des Ansatzes: ein “bigger Picture” sichtbar machen, ohne den Ausgangspunkt zu verlieren.

Transformation braucht Partizipation und Widerstand

Ein zentrales Element ist die Frage, wer an Transformationen beteiligt sein muss. Transformation müsse partizipativ sein, so Jonas, ob im Unternehmen oder in der Gesellschaft. In der Praxis gebe es dabei immer wieder einzelne Schlüsselpersonen, die solche Prozesse vorantreiben und verschiedene Akteure zusammenbringen. Widerstand gehöre ebenfalls dazu. Im Wheel of Transformation, einem weiteren Werkzeug von The Future: Project, sei Widerstand eines der zentralen Elemente: Er gebe Zeit zu reflektieren, was man bewahren möchte und was sich verändern könne, sei also ein notwendiger Reflex, über den man aber auch hinausgehen müsse.

Man kann die Zukunft auch mit der besten KI nicht berechnen.

Jonas Höhn

The Future: Project

Konstruktive Zukunftsbilder als Aufgabe

Zukunftsforschung könne nach Überzeugung von Nina und Jonas nicht objektiv sein. Der Anspruch von The Future: Project ist es deshalb, die eigene Werteperspektive offen zu zeigen. Zukunft lasse sich auch mit der besten KI nicht berechnen. Was zähle, seien Narrative, Erzählungen und Bilder von möglichen Zukünften. Was beide derzeit besonders beschäftigt, ist das, was Jonas eine Krise der Kognition nennt: Die sich überlagernden globalen Krisenphänomene hielten uns davon ab, überhaupt konstruktiv über Zukunft nachzudenken und uns eine gute Zukunft vorzustellen. Genau darin sehen Nina und Jonas eine der wichtigsten Aufgaben ihrer Arbeit: wieder konstruktive Zukunftsbilder zu entwerfen und damit den ersten Schritt in eine lebenswerte Zukunft zu gehen.

Zukunft als Möglichkeitsraum

Bei Next Stop: Future beobachten und analysieren wir Entwicklungen und arbeite dabei mit verschiedenen Methoden, mal mit Megatrends, mal mit Transformationen, je nachdem, was ein Thema oder ein Projekt braucht.
Der Ansatz von The Future: Project ist für uns so interessant, weil er Zukunft als einen aktiv gestaltbaren Möglichkeitsraum begreift: nicht nur beobachten, was kommt, und dann reagieren, sondern auch zu fragen, wo wollen wir eigentlich hin, und wer muss dabei mit am Tisch sitzen?
Ein Blick auf das Future: System lohnt sich.

Hier könnt ihr die ganze Folge hören. Wenn ihr Fragen zur Zukunftsforschung habt oder mit uns in den Austausch über Eure möglichen Zukünfte kommen möchtet, dann meldet euch sehr gerne bei uns.