Agency First:
Handlungsmacht wird zur zentralen Zukunftsfrage im Tourismus
Was bedeutet „Agency”?
Agency ist mehr als ein neues Wort für Wahlfreiheit oder Mitsprache. Der Begriff hat zwei Dimensionen.
Die erste Perspektive ist die Option: die strukturell verankerte Möglichkeit, auch anders handeln zu können, unabhängig davon, ob diese Möglichkeit tatsächlich genutzt wird. Sie setzt Strukturen voraus, die Spielräume eröffnen, statt Abläufe vorwegzunehmen.
Die zweite Dimension ist der Vollzug: der konkrete Moment, in dem Handlungsfähigkeit im Gespräch, in der Aushandlung, im gemeinsamen Tun tatsächlich wirksam wird.
Beide Seiten sind aufeinander angewiesen. Struktur ohne Vollzug bleibt bloßes Angebot, das niemand einlöst. Vollzug ohne Struktur bleibt Zufall, der sich nicht wiederholen lässt. Agency entsteht erst dort, wo beides zusammenkommt und sie schließt ausdrücklich das Recht ein, eine Möglichkeit nicht zu nutzen. Nicht-Beteiligung ist in diesem Verständnis keine Verweigerung von Agency, sondern ihr Ausdruck.
Warum wird Handlungsmacht zur zentralen Frage im Tourismus?
Megatrends wie Individualisierung, Demografischer Wandel, Gesundheit, Klimawandel, neue Arbeitskulturen und Digitalisierung erzeugen einen Transformationsdruck, der nicht mehr optional ist. Trotzdem bleibt die erlebte Realität vielerorts reaktiv: Es wird geflickt statt verändert.
Daraus entsteht, was sich als Transformationsschuld beschreiben lässt: Sie akkumuliert sich überall dort, wo erkannte Signale nicht in strukturelle Entscheidungen übersetzt werden. Vieles, was heute als Krise erscheint, ist in Wahrheit ein verpasstes Gestaltungsfenster.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob sich der Tourismus verändern muss, sondern wessen Handlungsmacht sich dabei verschiebt. Denn Logiken ändern sich nur, wenn sich ändert, wer innerhalb dieser Logiken tatsächlich handeln kann. Genau das ist der Ausgangspunkt von Agency First.
Wessen Agency ist eigentlich gemeint?
Agency ist keine Mengenfrage, sondern eine Verteilungsfrage:
Bei wem wächst sie, bei wem schrumpft sie?
Drei Gruppen stehen dabei im Zentrum:
Gäste – können sie wirklich wählen, oder bewegen sie sich lediglich durch vordefinierte Interfaces?
Orte und die Menschen, die dort leben – können sie mitbestimmen, wie Tourismus stattfindet, oder werden sie vor allem genutzt?
Mitarbeitende – haben sie Gestaltungsspielräume, oder erfüllen sie nur Prozesse, die andere festgelegt haben?
Entscheidend ist dabei eine oft übersehene Verknüpfung: Wer Mitarbeitenden keine Entscheidungsspielräume gibt, kann Gästen draußen keine echten Spielräume ermöglichen. Agency lässt sich nicht nach außen verteilen, ohne sie zuvor nach innen zu haben.
Ersetzt Agency First Konzepte wie Nachhaltigkeit oder Partizipation?
Nein. Agency First tritt nicht an die Stelle von Nachhaltigkeit, Lebensraumgestaltung, Resilienz oder Regeneration – es legt darunter eine zusätzliche Eben der Gestaltungsmacht und Handlungsoption.
Jede dieser Perspektiven stellt eigene Fragen: Wie tragfähig ist Tourismus ökologisch, sozial, ökonomisch? Wie trägt er zur Lebensqualität eines Ortes bei? Wie widerstandsfähig ist er gegenüber Krisen?
Agency First ergänzt diese Perspektiven um eine andere Frage:
Wer hat unter welchen Bedingungen die Möglichkeit, wirksam zu handeln?
Ist Partizipation nicht Agency?
Partizipation und Agency werden häufig verwechselt, sind aber nicht dasselbe. Man kann Menschen beteiligen, ohne Macht zu teilen: Gäste befragen, ohne ihre Wahlmöglichkeiten zu verändern; Bürger:innen einbinden, ohne ihnen echte Entscheidungsspielräume zu geben; Mitarbeitende anhören, ohne Strukturen zu verändern.
Das Ergebnis ist meist dasselbe Muster: viele gute Formate, viele gute Absichten – aber keine neue Logik.
Agency First stellt deshalb unbequemere Fragen: Was darf sich durch Beteiligung wirklich verändern? Wer kann Nein sagen? Wer kann Grenzen setzen? Wer trägt Verantwortung und wer bekommt tatsächlich die Möglichkeit dazu?
Partizipation ohne geteilte Macht landet strukturell immer wieder im selben Muster: einem Patchwork aus Einzelprojekten ohne System dahinter.
Was ist das Paradoxe an Agency First?
Handlungsmacht zu stärken bedeutetzunächst, Kontrolle abzugeben. Agency First ist keine neue, subtilere Steuerungsmethode, mit der sich Gäste, Orte oder Mitarbeitende eleganter lenken ließen. Es ist eine Haltung, die konträr zur Marktlogik, zum Optimierungsimperative und zu Plattformstrukturen steht, die Wahl oft nur simulieren.
Für die Praxis heißt das: Nicht mehr Maßnahmen zählen, sondern veränderte Bedingungen. Die entscheidende Prüffrage lautet nicht „Was haben wir getan?”, sondern: Erhöht das, was wir tun, tatsächlich Handlungsmacht oder stabilisiert es nur ein System, das an seine Grenzen kommt?
Damit schließt sich der Kreis zum eigentlichen Ziel: Lebensraumgestaltung ist der Anspruch des Tourismus der Zukunft. Agency ist die Bedingung, unter der dieser Anspruch überhaupt einlösbar wird.
Ist Agency First eine Zukunftsprognose?
Gerecht verteilte Agency ist eine Voraussetzung für die Gestaltung einer lebenswerten Zukunft und erfolgreich, nachhaltigen touristischen Zukunft.
Es gibt Unterscheidungen in der Zukunftsforschung: Man kann fragen, wie sich Tourismus wahrscheinlich entwickeln wird – etwa entlang veränderter Gästebedürfnisse oder globaler Entwicklungen. Oder man kann fragen, was wahrscheinlich, möglich und was wünschenswert wäre.
Welche touristischen Zukünfte sind denkbar?
Wir haben fünf Szenarien entwickelt. Vier von ihnen beschreiben plausible, wahrscheinliche Entwicklungen bei fortgeschriebener Systemlogik. Nur ein Szenario, die Kultur der Wahl, beschreibt eine mögliche und wünschenswerte Zukunft.
Drei Bausteine bildeten die Grundlage für die Szenarienentwicklung:
- Die übergeordnete Leitfrage nach Agency,
- Megatrends, verstanden als robuste Strukturtreiber.
- Offene Transformations- und Möglichkeitsräume: institutionell ebenso wie soziokulturell.
Die fünf Szenarien unterscheiden sich deshalb nicht primär durch unterschiedliche Ausgangstreiber, die Treiber sind für alle gleich, sondern durch unterschiedliche Formen ihrer Verarbeitung und damit durch unterschiedliche Verteilung von Agency.
Welche Szenarien gibt es für den Tourismus?
Die fünf Szenarien beschreiben unterschiedliche touristische Zukünfte, sortiert nach der Verteilung von Handlungsmacht.
Weiter so fragt, wie viel Agency bleibt, wenn Wachstum unbeirrt fortgeschrieben wird, obwohl es die eigenen Grundlagen untergräbt.
Patchwork, der wahrscheinlichste Pfad, fragt, ob permanentes Krisenmanagement Handlungsmacht tatsächlich stärkt oder nur den Status quo stabilisiert.
Selektion fragt, wer unter Bedingungen wachsender Knappheit noch Zugang zu Handlungsmacht behält und wer davon ausgeschlossen wird.
Kategoriebruch fragt, wie sich Agency verändert, wenn sich die Grenzen zwischen Reisen, Arbeit, Bildung und Alltag auflösen.
Und Kultur der Wahl, das einzige Szenario mit echtem Transformationscharakter, fragt, unter welchen Bedingungen Gäste, Orte und Mitarbeitende gleichzeitig handlungsfähig werden können – nicht nacheinander oder gegeneinander, sondern gemeinsam.
Es ist das Szenario, in dem Agency, die Handlungsmacht am symmetrischsten verteilt ist.
Wie geht es weiter?
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Wir halten zu dem Thema Kenyotes, vermitteln die zugrunde liegende Idee in Workshops und stehen natürlich auch für andere Ideen und Prozesse zur Verfügung.