In der neuen Folge sprechen wir, Catharina Fischer und Anja Kirig, mit Anne Schüller über Narrative. Sie ist seit 25 Jahren selbstständig als Speakerin und bekannt für ihren Klartext. Mit uns spricht sie über ihr Buch „Narrative für eine bessere Zukunft” und darüber, warum Erzählkunst gerade jetzt an Bedeutung gewinnt.
Was ein Narrativ von einer Story unterscheidet
Für Anne ist ein Narrativ weit mehr als eine Geschichte. Es ist eine Geschichte mit Bedeutung, die Orientierung schafft, einen übergeordneten Rahmen gibt und Zusammenhänge sichtbar macht. Sie vergleicht ein Narrativ mit einem Haus: Es bildet die tragende Struktur, die alles zusammenhält. Die einzelnen Stories sind die Zimmer, die dieses Haus mit Leben füllen und für Menschen erfahrbar machen.
Storytelling stammt ursprünglich aus Marketing und Vertrieb. Der interne Bereich von Unternehmen bleibt dabei jedoch häufig unterbelichtet, obwohl gerade dort viele der Geschichten entstehen, die Kultur, Zusammenarbeit und Zukunftsfähigkeit prägen. Genau hier setzt ihr Buch an.
Aktuell sind wir von zahlreichen negativen Narrativen umgeben. Dabei ist ein Narrativ zunächst weder positiv noch negativ. Seine Wirkung entsteht erst durch seinen Inhalt, die Interpretation und seine Verbreitung.
„Alles im Gehirn wird in Geschichten übersetzt.“
Jede und jeder Einzelne trägt dazu bei, welche Geschichten erzählt, weitergegeben und wirksam werden. Negative Geschichten beeinflussen Stimmung, Haltung und Energie. Sie können lähmen, wo Gestaltungskraft gefragt ist, und sie untergraben die Zuversicht, die Menschen brauchen, um Zukunft aktiv mitzugestalten.
Deshalb brauchen wir konstruktive, positive und glaubwürdige Narrative. Nicht solche, die beschönigen, sondern solche, die aktivieren, verbinden und Zukunft vorstellbar machen.
Erst zuhören, dann erzählen
Anne beschreibt diesen Prozess mit einem Modell, das aus drei Schritten besteht: Storylistening, Storymaking und Storytelling.
Entscheidend ist dabei die Unterscheidung zwischen Vorderbühne und Hinterbühne. Auf der Vorderbühne zeigt sich das offizielle, oft geschönte Bild eines Unternehmens. Auf der Hinterbühne finden hingegen die Gespräche statt, in denen sichtbar wird, was Menschen tatsächlich bewegt, woran sie zweifeln und wo sie Veränderungsbedarf sehen.
Aus dem klassischen Management by Walking and Talking Around sollte deshalb ein Walking and Listening Around werden. Führungskräfte sollten weniger senden und mehr zuhören. Statt vor allem Botschaften zu platzieren, gilt es, nach Hindernissen zu fragen, aufmerksam zwischen den Zeilen zu hören und zu erkennen, an welchen Stellen sich Mitarbeitende innerlich bereits vom Unternehmen entfernen.
Ein wirksames Gegenmittel sei die Erzählwerkstatt. Sie schafft einen informellen Kreativraum, in dem Mitarbeitende nicht im Berichtsmodus, sondern im Erzählmodus über Herausforderungen sprechen können. Gerade weil sie die Probleme aus ihrem Arbeitsalltag kennen, wissen sie häufig auch sehr genau, welche Lösungen möglich wären.
„Wir müssten Schülerbusse so gestalten, dass sie sagen, wie geil ist eigentlich Busfahren, und nicht: wann kann ich endlich meinen Führerschein machen, damit ich damit nicht mehr fahren muss.“
Erzählkunst als Führungskompetenz im Zeitalter der KI
Mit Künstlicher Intelligenz werden viele klassische Managementaufgaben automatisiert. Umso wichtiger wird die Fähigkeit, Menschen zu verstehen, Beziehungen zu gestalten und Sinn zu vermitteln.
Anne betont zwei zentrale Erkenntnisse: Entscheidungen beginnen emotional und unser Gehirn verarbeitet Informationen vor allem in Form von Bildern und Geschichten. Deshalb bleiben Geschichten deutlich besser im Gedächtnis als Zahlen und Fakten. Menschen folgen nicht Tabellen oder Präsentationen, sondern einem Anliegen, das sie berührt und für sie relevant ist.
Die Heldenreise: Anfang, Transformation, Ende
Eine wirksame Geschichte macht nicht das Unternehmen zum Helden, sondern zum Begleiter, der Menschen auf ihrem Weg unterstützt.
Die klassische Heldenreise fasst Anne in der Formel A-T-E zusammen: Anfang, Transformation und Ende. Am Anfang steht ein klar benanntes Problem. Es folgt die Veränderung mit Herausforderungen, Rückschlägen und Lernmomenten. Erst am Ende steht der Erfolg. Gerade diese Brüche machen Geschichten glaubwürdig. Erzählungen, in denen von Beginn an alles reibungslos verläuft, wirken dagegen wenig authentisch.
Vielen Dank, Anne Schüller, für dieses inspirierende Gespräch und dass Du in unserem Podcast als Gast gewesen bist!
Die gesamte Podcastfolge könnt ihr hier anhören. Habt ihr Fragen zum Thema Narrative oder möchtet ihr mit uns darüber sprechen, wie Storytelling eure Zukunftskommunikation stärken kann? Dann meldet euch sehr gerne bei uns. Wir freuen uns auf Eure Nachrichten!