In der neuen Folge sprechen wir, Catharina Fischer und Anja Kirig, mit Katja Diehl.
Katja Diehl ist Mobilitätsexpertin, Autorin, Podcasterin und setzt sich für eine gerechte Verkehrspolitik ein. Sie steht für eine Mobilität, die sich an Menschen orientiert, nicht an Autos. Sie hat mittlerweile fünf Bücher zur Verkehrswende geschrieben. Darunter Bestseller “Autokorrektur” und “Raus aus der AUTOkratie“ sowie ein Kinderbuch “Komm mit in die Welt von morgen!”. Besonders spannend für uns ist auch ihr Buch “Picknick auf der Autobahn. Wie wir in Zukunft unterwegs sein werden.” Darin gibt es unterschiedliche Zukunftserzählungen von Mario Sixtus und den jeweiligen Reality-Check von Katja.
Wir freuen uns sehr, dass Katja bei uns zu Gast war und ihre Gedanken und Perspektive zur Mobilität von morgen teilt.
Mobilität ohne Bedürfnisperspektive
In der Debatte über Verkehr stehen meist die Verkehrsformen im Vordergrund. Was dabei zu kurz kommt, ist die Ebene der Bedürfnisse: Zugänglichkeit, Bezahlbarkeit, Sicherheit, Autonomie, Freiheit und Teilhabe. Wer einmal mit einem Kinderwagen in einer Straßenbahn ohne Niederflureinstieg unterwegs war, weiß, wie schnell das Bedürfnis nach Unabhängigkeit mit der vorhandenen Infrastruktur kollidiert.
Katja Diehl beschreibt, dass das Auto von vielen als Freiheit erlebt wird, obwohl es eigentlich eine Abhängigkeit ist. Es ist jahrzehntelang unglaublich gut vermarktet worden. Das zeigt sich auch darin, dass Menschen, die selbst nicht Auto fahren, trotzdem Argumente der Autolobby wiederholen. Weil demokratische Begegnungsräume im Alltag fehlen, wissen viele gar nicht, dass andere ganz andere Mobilitätsbedürfnisse haben.
Ungefähr ein Drittel der Menschen in Deutschland kann nicht selbst Auto fahren. Dazu gehören Kinder, 13 Millionen Erwachsene ohne Führerschein, Menschen, die zwar einen Führerschein haben, aber nicht mehr fahren können, sowie Menschen in Armut, von denen nur 45 Prozent überhaupt ein Auto im Haushalt haben.
„Die Vorteile vom Auto bekommen nur die Leute, die das Auto fahren. Die Nachteile vom Auto kriegen alle.“
Wer plant, für wen?
Katja Diehl war zuletzt auf der größten Busmesse und beim Nahverkehrskongress. Ihr Eindruck: Die Diversität im Raum nimmt ab, es sind weniger Frauen. Das macht es schwierig, Bedürfnisse einzubringen, die über die klassische Wegekette des lohnarbeitenden weißen Mannes hinausgehen, also Pendeln zur Arbeit und zurück. In Wien ist Gender Mainstreaming seit den 1970er Jahren gesetzlich verankert. Ohne solche Strukturen, so Katja Diehl, landet man immer wieder in denselben Spurrillen.
Ein Beispiel aus Brasilien zeigt, wie grundsätzlich anders Mobilität begründet werden kann: Dort ist in der Verfassung festgelegt, dass Menschen über 65 kostenlos den ÖPNV nutzen dürfen, nicht aus Mobilitätsgründen, sondern gegen Einsamkeit.
Privilegien und das Narrativ der Kosten
Immer wenn ein Radweg gebaut wird, werden Kosten diskutiert. Dass eine Autobahnspur als Investition gilt, ein Radweg hingegen als Kostenfaktor, zeigt, wie tief bestimmte Narrative sitzen. Die Gesamtkosten des Autoverkehrs, wenn man Verkehrstote, Lärm, Abgase und Umweltzerstörung einrechnet, liegen nach einer Schätzung bei über 100 Milliarden Euro im Jahr.
Hinzu kommen strukturelle Privilegien: Dienstwagenprivileg, Dieselprivileg, eigene Fahrspuren, die Möglichkeit, das Fahrzeug fast überall abzustellen. Wer sich hingegen ein Lastenrad kauft, fragt sich sofort, wo es sicher abgestellt werden kann. Diese Asymmetrie, betont Katja Diehl, ist keine Naturkatastrophe, sondern eine politische Entscheidung. Was politische Entschlossenheit verändern kann, zeigt Paris: Anne Hidalgo hat innerhalb von zwei Amtszeiten Parkplätze in Grünflächen umgewandelt und die Stadt für die Menschen, die dort leben, lebenswerter gemacht.
„Wir müssten Schülerbusse so gestalten, dass sie sagen, wie geil ist eigentlich Busfahren, und nicht: wann kann ich endlich meinen Führerschein machen, damit ich damit nicht mehr fahren muss.“
Die Qualität des Weges statt Funktion von A nach B
Wir sprechen in der Folge auch darüber, was Mobilität jenseits des reinen Transportzwecks leisten könnte. Urlaub in einer autofreien Stadt wie Venedig erleben viele als Erholung: Ruhe, Begegnung, Kinder, die gefahrlos laufen können. Dieselbe Sehnsucht existiert im Alltag, wird dort aber nicht befriedigt.
Katja Diehl fordert, öffentliche Verkehrsmittel auch qualitativ zu denken. Schülerbusse sollten so gestaltet sein, dass Kinder gern damit fahren, statt auf ein eigenes Auto und Führerschein zu warten.
Fahrzeuge brauchen Aufenthaltsqualität. Personal im ÖPNV ist keine Selbstverständlichkeit, aber notwendig, damit Fragen beantwortet werden, Koffer getragen werden und sich alle sicher fühlen. Als positives Signal nennt sie Mamdani in New York, der kostenlose Busse zum Wahlkampfthema gemacht hat, weil er darin ein Mittel gegen Einsamkeit und für gesellschaftliche Teilhabe sieht.
Die Folge gibt es hier zu hören. Ihr habt Fragen oder wollt mit uns über Mobilität und Zukunftsgestaltung sprechen? Dann meldet euch sehr gerne bei uns.