Agency First – das Thema der neuen Folge von Next Stop: Future mit uns, Catharina Fischer und Anja Kirig.
Wir diskutieren über Handlungsoptionen und Handlungsmacht und wieso Agency das entscheidende Leitprinzip für die Zukunft des Tourismus ist.
Soviel ist klar: Nachhaltigkeit, Gemeinwohl, Lebensraum – die Themen stimmen. Trotzdem bewegt sich wenig. Weil die entscheidende Frage eine andere ist: Wer darf eigentlich handeln?
Transformation ist keine Option, sondern eine Bedingung
Der Druck ist da, und er trifft alle Branchen. Individualisierung, demografischer Wandel, Klimawandel, Digitalisierung und KI wirken als Megatrends. Was wir im Tourismus erleben, ist trotzdem selten Veränderung. Es ist Systempflege: adaptieren, reagieren, das Bestehende am Laufen halten. Wir arbeiten dafür mit dem Begriff der Transformationsschuld. Nicht moralisch gemeint, sondern systemisch. Ein System versucht zuerst, sich selbst zu halten.
Partizipation ist ein Verfahren. Agency ist Wirkung.
Agency heißt übersetzt Handlungsmacht. Beteiligung erzeugt sie nicht automatisch. Man kann Stakeholder einladen, Einwohnerinnen und Einwohner befragen, Prozesse über Jahre führen. Die Entscheidungsgewalt bleibt trotzdem woanders. Der kleine, feine Unterschied liegt in einer einzigen Option: Nein sagen zu können.
Agency ist damit keine Mengenfrage, sondern eine Verteilungsfrage. Handlungsmacht existiert in jedem Szenario. Sie ist nur unterschiedlich verteilt.
Innen entscheidet über außen
Beim Gast zeigt sich das deutlich. Das Interesse an Nachhaltigkeit ist hoch, beim Handeln bleibt es eine Minderheit. Er wählt aus einem bestimmten Optionsstrauß, mehr nicht. Das bestehende System wurde ökologischer, sozialer, ökonomisch nachhaltiger. Handlungsspielräume hat es nicht geöffnet.
Nach innen gilt dasselbe. Wer Mitarbeitenden keine Handlungsmacht überträgt, bekommt einen schönen grünen Anstrich. Handlungsmacht nach außen setzt Entscheidungsspielräume, Räume zum Lernen und Rollenklarheit nach innen voraus.
Lebensraum heißt Legitimität, nicht Kapazität
Overtourism wird als Kapazitätsfrage verhandelt. Es ist eine Legitimitätsfrage: Wem gehört der Raum? Besucherlenkung und Reglementierung kommen meist von administrativer Ebene, nicht von den Menschen, die dort leben. Das ist ein Eingriff in den Raum. Destinationen werden so Kulisse für die Gäste und Belastung für die Bewohnerinnen und Bewohner. Im Lebensraumgedanken herrscht nicht die Konsum- und Produktlogik, sondern die gestaltende Logik. Tourismus ist ein Teil dieses Raums.
Agency ist dabei kein Zwang zu permanenter Beteiligung. Sie ist die Wahl. Gäste dürfen sich treiben lassen. Verantwortung darf nicht als moralischer Druck auf Einzelne abgewälzt werden.
Fünf Szenarien, eine Kultur der Wahl
Weiter so belohnt Volumen und produziert Trägheit statt Strategie. Patchwork flickt, repariert und erzeugt Müdigkeit im System bis zur inneren Abkehr. Selektion macht Teilhabe am Reisemarkt zur Zugangsfrage. Im Kategoriebruch löst sich Tourismus über Workation, Co-Living und Temporary Citizens auf.
In allen vier bleibt die Handlungsmacht von Orten, Reisenden und Branche gering. Deshalb haben wir ein fünftes formuliert: die Kultur der Wahl. Hier ist Agency kein Nebenprodukt funktionierender Märkte, sondern ein systemisches Prinzip. Das bedeutet allerdings auch, Kontrolle abzugeben. So ehrlich sollten wir sein.
Die relevanten Fragen
Erhöht das, was ich gerade tue, die Handlungsmacht der einzelnen Akteure? Oder stabilisiert es nur das System? Wer über die Zukunft des Tourismus sprechen möchte, muss Agency mitdenken.
Mehr zu Agency First: Fragen, Antworten und Hintergründe haben wir hier für Euch zusammengestellt.
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