In der neuen Podcastfolge sprechen wir, Catharina Fischer und Anja Kirig, darüber, welche menschlichen Fähigkeiten im KI-Zeitalter künftig an Bedeutung gewinnen könnten. Ausgangspunkt ist ein Artikel im Noema Magazine über die sogenannte Judgment Economy.

Die Judgment Economy ist laut dem Autor Nils Gilman ein wirtschaftliches System, in der nicht mehr die Fähigkeit, Informationen zu produzieren, den größten Wert schafft, sondern die Fähigkeit, aus einer Flut von KI-generierten Möglichkeiten die richtigen Schlüsse zu ziehen und verantwortliche Entscheidungen zu treffen.

Die Idee der Judgment Economy

Die Grundidee klingt zunächst überzeugend und optimistisch: Je mehr KI Aufgaben übernimmt, Texte erstellt, Analysen fährt und Code schreibt, desto wichtiger wird die menschliche Urteilskraft. Heißt, die Fähigkeit, Erkenntnisse einzuordnen, abzuwägen, mit Unsicherheit umzugehen und unter Unsicherheit Entscheidungen zu treffen. Das ist ein Erzählung, die konträrz dem entgegensteht, was man derzeit auf Konferenzen und in Studien liest: Prognosen über wegfallende Jobs und die Frage, was KI eigentlich mit uns macht, ob sie uns nicht alle Verblöden lässt. Die Theorie der Judgement Economy, der Urteilskraft, enthält hingegen das Denken, dass unser Menschsein wird weiterhin gebraucht.

So schön das klingt, bleibt die Frage aber offen, wie  Urteilskraft entsteht. Geht man davon aus, dass Urteilskraft keine angeborene Eigenschaft ist, sondern eine erlernbare Kompetenz, stellt sich die Frage nach dem Zugang zu den Räumen, in denen diese Kompetenz erlangt werden kann. 

Studien zeigen: Wie und wann KI eingesetzt wird, ist entscheidend für die Urteilskraft

In einer INSEAD-Studie mit über 20.000 Schachspielern und mehr als 500.000 Turnierpartien zeigte sich, dass KI als Trainingspartnerin dann bei den menschlichen Spieler:innen einen Lerneffekt erzielen kann, wenn ihr Niveau das des Menschen übersteigt.

Die MIT-Studie “Your Brain on ChatGPT” zeigt die Kehrseite: Studierende, die über vier Monate mit Large Language Models Texte erstellten, verschlechterten sich auf neuronaler, sprachlicher und Verhaltensebene, auch ihr Urteilsvermögen nahm ab. Dieser Effekt hielt an, nachdem sie die Tools nicht mehr nutzten. Die Quintessenz der Forscher lautet: Es geht nicht darum, ob wir KI einsetzen, sondern wie und wann. Wer sich erst tief mit dem Material auseinandersetzt und dann KI hinzuzieht, kann kritisches Denken sogar stärken.

Mehrere aktuelle Studien und Reviews weisen auf ein bislang wenig beachtetes Risiko des KI-Einsatzes in wissensintensiven Berufen hin: die sogenannte Upskilling Inhibition. Damit ist nicht der Verlust bereits vorhandener Fähigkeiten gemeint, sondern die Verringerung von Gelegenheit zum Lernen, durch die neue Kompetenzen überhaupt erst entstehen. Durch den Einsatz von KI besteht die Gefahr, dass Fachkräfte bestimmte Fähigkeiten seltener trainieren und dadurch langsamer oder unvollständig entwickeln. Eine umfassende Review aus dem Jahr 2025 beschreibt Upskilling Inhibition als eines der zentralen langfristigen Risiken von KI in der Medizin. Hinweise auf tatsächliche Leistungseinbußen nach längerer KI-Nutzung liefert zudem eine 2025 veröffentlichte Langzeitstudie in der Gasteroenterologie: Nach sechs Monaten KI-gestützter Arbeit verschlechterte sich ihre diagnostische Leistung in Untersuchungen ohne KI-Unterstützung messbar, was die Autoren als möglichen Hinweis auf KI-bedingtes Deskilling interpretieren.

Die Erfahrungsleiter bricht weg

Speziell die jüngeren Generationen sind betroffen. Einstiegspositionen in Bereichen wie Coding oder Beratung werden laut einer Stanford-Analyse des US-amerikanischen Arbeitsmarkts seit 2024 immer weniger besetzt. Damit fehlt genau der Raum, in dem die Urteilskraft erworben werden kann. Wer die ersten Stufen der Erfahrungsleiter nie betreten kann, kommt nicht zu den Erfahrungen, die kritisches Denken und Urteilsvermögen formen. Das hat Folgen nicht nur für Individuen, sondern auch für Organisationen, die in einigen Jahren fragen werden, wo der Nachwuchs mit den entsprechenden Kompetenzen bleibt.

Was Unternehmen und Bildungssysteme jetzt brauchen

In Organisationen braucht es neue Lern- und Entwicklungsräume. Die durch KI gewonnene Effizienz könnte gezielt in Lernarchitekturen investiert werden: jüngere Menschen auf Projekte mitzunehmen, ihnen Raum zum Beobachten und Ausprobieren zu geben. Im Bildungssystem wäre anwendungsbezogenes Lernen, also das Lösen echter Aufgaben mit bisher erworbenen Fähigkeiten, ein wesentlicher Schritt weg vom linearen Auswendiglernen.

Urteilskraft wird kein Massenphänomen werden, solange Bildungssysteme auf Wissensvermittlung und Reproduktion ausgerichtet sind und solange Erfahrungsräume immer knapper werden.

Blick in die Zukunft

Unsere Beobachtung: Kritisches Denken wird durch KI nicht zwingend gefördert. Gleichzeitig sehen wir eine Gegenbewegung, ähnlich wie beim Thema Nachhaltigkeit oder New Work: Unternehmen, die erkennen, dass Effizienzgewinn durch KI nur ein Puzzleteil ist und dass die Menschen, die bei ihnen arbeiten, trotzdem mitgedacht werden müssen. Diese Unternehmen werden als Leuchttürme sichtbar werden.

Hier könnt ihr die ganze Folge hören. Habt ihr Fragen zu Urteilskraft und Kompetenzentwicklung im KI-Zeitalter oder wollt ihr mit uns in den Austausch kommen? Dann meldet euch sehr gerne bei uns.